Eine schöne Krankheit Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat sich in seinem neuen Roman Gedanken darüber gemacht wie lange die Liebe währt. Am Sonntag liest er in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting

Gauting • Wie lange trägt die Liebe? Ein Eheleben lang? Oder nur, wenn es Zwischenstationen in Sachen Liebe gibt? Das Ehepaar, von dem Bodo Kirchhoff in seinem neuen Roman „Die Liebe in groben Zügen” erzählt, hat vieles miteinander erlebt und eine Tochter großgezogen, es bewohnt eine Wohnung in Frankfurt und ein Haus in Italien, beide sind erfolgreich in der Medienbranche. Eines Tages aber droht das so ausbalancierte Gefüge zu kippen: Die Frau beginnt, mit ungeahnter Intensität einen anderen zu lieben. Dieser Geliebte hat das Sommerhaus gemietet, um darin ein Buch über Franz von Assisi und die heilige Klara zu schreiben – eine andere tiefgründige Liebesgeschichte. „Sehnsucht nach Liebe ist die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam.” Das ist der erste Satz Ihres Romans „Die Liebe in groben Zügen”; ein Satz, den man am liebsten in Stein meißeln möchte. War er ein Auslöser, diesen Roman zu schreiben? Der Satz war nicht der Auslöser, sondern eine Folge davon, dass ich eines Nachts stundenlang darüber nachgedacht habe, was der Kern dieses – damals noch in der Entstehung befindlichen Romans – ist. Einen eigentlichen Auslöser gab es daher nicht, sondern der Roman entstand aus angehäufter Lebenszeit und dem Wunsch, davon zu erzählen. Neben dem großen Thema Liebe spielt auch das Thema Glauben eine Rolle in der Geschichte – der Geliebte von Hauptfigur Vila schreibt an einem Buch über Franz von Assisi. Welche Rolle spielt das Thema Glauben für Sie persönlich? Würden Sie sagen, dass es ein Thema ist, das auch mit dem Älterwerden an Relevanz gewinnt?

Ich habe schon immer daran geglaubt, dass das Sichtbare nicht alles ist; und in der Tatsache unserer grundsätzlichen Liebesfähigkeit, aber auch in dem Existenzrisiko, das in der Liebe liegt, steckt für mich etwas Metaphysisches, das wir Menschen nicht durchdringen können. Das Thema Liebe ist nun umfänglich von Ihnen im neuen Roman bearbeitet worden. Welches Thema ist noch offen? Was reizt Sie als Nächstes? Im Augenblick beschäftige ich mich damit, was das Leben im Angesicht des nicht mehr so fernen Endes sinnvoll macht und wie man sich erforschen kann, ohne sich im Kreis zu drehen. Worüber würden Sie niemals einen Roman schreiben? Welche Themen – oder anders gesagt: Szenarien – sind Ihnen fremd? Ich könnte nie einen Roman über etwas schreiben, was nicht Teil meines eigenen Lebens ist. Das einzige Archiv, in das ich mich begebe ist letztlich mein eigenes und wenn ich am Ende der Arbeit nicht entblößter dastehe als am Anfang, dann hat es für mich keinen Sinn gemacht. Es gibt wiederkehrende Orte in Ihren Romanen: Frankfurt ist so einer, auch der Gardasee – Orte, die Ihnen persönlich etwas bedeuten und die auch für Ihre Leser wichtig sind, etwa Punta San Vigilio, den Sie in Ihrem „Schundroman” den schönsten Ort der Welt genannt haben. Wann entwickeln Landschaften, Orte für Sie eine – auch literarische – Faszination? Orte entwickeln für mich nur diese Kraft, wenn sie sich auch nach vielen Jahren in ihrer Schönheit nicht verbraucht haben, wenn ich spüre, dass sie in allem beständiger und größer sind als ich selbst – und wenn sie mich auf eine metaphysische Art erweitern. Sie geben zusammen mit Ihrer Frau am Gardasee auch Schreibkurse. Wer kommt da? Wie muss man sich solche Kurse vorstellen? Sollte Schreiben Ihrer Meinung nach an Universitäten gelehrt werden, so wie es zum Teil bereits geschieht? Zu unseren Sommer-Schreibseminaren am Gardasee kommen Menschen, die sich im weitesten Sinne für Sprache interessieren, Männer wie Frauen, ältere wie jüngere, und natürlich aus den Berufsgruppen, die mit Sprache zu tun haben wie Ärzte, Lehrer, Journalisten, Marketing-Leute, aber auch Juristen oder auch der Pensionär, der gerne seine Familiengeschichte erzählen würde. Und natürlich gibt es auch Einzelne, die auf ein literarisches Buch hinarbeiten. Eine der wesentlichen Lernquellen ist die Mischung der Gruppe. An Universitäten sollte man vor allem Lesen lernen, in Verbindung mit Erzähltheorien – die intensive Arbeit, die wir in unseren Gruppen leisten, erfordert eine Herauslösung aus dem normalen Alltag. Es wird in Ihrem neuen Roman oft sehr gut und viel gegessen. Welche Bedeutung hat Essen für Ihr Leben? Welche Vorlieben haben Sie? Kochen Sie selber? Essen spielt in meinem Schreiballtag keine besondere Rolle, aber in den Sommermonaten schon, und dann die italienische Küche, da kenne ich mich zumindest mit den Zutaten aus. Haben Sie noch Erinnerungen an Ihre letzte Lesung in der Gautinger Buchhandlung? Ja, habe ich, weil ich dort eine sehr liebe alte Intematsfreundin nach langer Zeit wieder getroffen habe. Sabine Zaplin/SZ