Vergnügliches von Kohl Der Gautinger Politologe und Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz stellt sein Buch über den ehemaligen Bundeskanzler vor und löst damit eine lebhafte Diskussion aus

• „Über Helmut Kohl hat jeder von uns seine Meinung”: So beginnt der in Gauting lebende Politologe und Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz die Präsentation seiner im September erschienenen politischen Biografie des früheren Bundeskanzlers. Tatsächlich gab es weder zuvor noch danach einen Kanzler, der derart umstritten gewesen ist wie Kohl. „Aber wer nach einer so langen Zeit im Amt nicht umstritten ist, der ist sein Geld nicht wert”, sagt Schwarz bei der Lesung in der Buchhandlung Kirchheim am Donnerstag. Das mehr als 1000 Seiten starke Buch (Deutsche Verlagsanstalt, 34,99 Euro) unternimmt nach den Worten des Autors auf der Basis ausführlicher, solider Recherchen und Quellenauswertungen eine kritische Betrachtung des politischen Erbes von Helmut Kohl vor dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Zusammenhänge. So entsteht weniger eine Lebensgeschichte als ein Zeitpanorama, das einen Bogen spannt von der Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung. Als einem bekannten Politologen und – da er unter anderem an der Universität Bonn lernte – Nachbarn der Bonner Politiker standen Schwarz außer zahlreichen Originaldokumenten und zum Teil auch bisher unveröffentlichten Quellen seine eigenen, sehr präzisen Erinnerungen an Begegnungen mit Politikern zur Verfügung. Mit vielen Zeitgenossen Kohls und natürlich mit ihm selber hat er im Zuge der Recherchearbeit und des Schreibprozesses Interviews geführt. So ist ein ausgesprochen spannend zu lesendes Buch entstanden, das ausschließlich im Präsens geschrieben ist, was das Erzähltempo nicht unerheblich beschleunigt. In Gauting las Schwarz einige ausgewählte Passagen, die sich vor den Ohren des Publikums wie Mini-Porträts zu einem Politikerreigen zusammenfügten. Da darf natürlich auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß nicht fehlen, der zunächst dem Kontrahenten in der K-Frage gar nicht so unähnlich ist: „Beide sind keine geschniegelten Typen. Sie sind herzhaft, volksverbunden, massig zwar, aber im innersten Kern auch empfindlich”, schreibt Schwarz. „Sie schätzen die laute Männerrunde, in der deftig geschmaust, kräftig gebechert, jungenhaft geprahlt und boshaft gefrotzelt wird.” Von dem CDU-Politiker Heiner Geißler erzählt Schwarz, der sich in den sechziger Jahren noch zierte, von Baden-Württemberg in Kohls Mainzer Kabinett zu wechseln: „Es muss doch Leute geben in Rheinland-Pfalz, die so eine Aufgabe machen können”, soll er gesagt haben, woraufhin Kohl ihm antwortete: „Kaum, kaum. Die Leute in Rheinland-Pfalz sind seit Jahrhunderten vom Alkohol vergiftet, und das hat sich auch jeweils auf die Nachkommenschaft weitervererbt und übertragen.” Ob das auch auf ihn selber zutreffe, hakte Geißler weiter nach, was Kohl mit der Auskunft verneint, er habe schließlich einen bayerischen Vater. In diesem oft vergnüglichen Ton, bei der ein wunderbarer, vermutlich während seiner Kölner und Bonner Jahre ihm zu eigen gewordener rheinländischer Klang zu hören ist, schlägt Schwarz Seite für Seite seines Buches auf. Von dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand ist die Rede, natürlich auch von der derzeitigen Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Appetithäppchen”, nennt der Autor selbst die Auswahl der Lesepassagen, und tatsächlich serviert er sie, köstlich angerichtet, wie auf einem Silbertablett. Von welch großem Interesse die Person Helmut Kohl ist und insbesondere auch die Zeit, die er geprägt hat, zeigt die anschließende, äußerst angeregte Diskussion in der Gautinger Buchhandlung. Es gibt vermutlich nur wenige Staatsmänner, da sind sich Publikum und Autor einig, die in Deutschland und in Europa derart umfangreiche Veränderungen angestoßen, mitgeprägt und mit verantwortet haben wie Kohl – auch, wenn natürlich die Meinungen über seinen Regierungsstil und sein Vorgehen umstritten sind. Aber das müssen sie wohl auch sein. Sabine Zaplin/SZ