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Generationenwechsel im Traditionshaus der Bücher

„Ich werde noch viele Bücher lesen“: Luitgard Kirchheim gibt ihr Geschäft ab, wird aber
selbst zur Stammkundin. Foto: svj

Gauting • Die Buchhandlung Kirchheim bekommt einen neuen Besitzer. Luitgard Kirchheim übergibt am 1. Oktober dieses Traditionshaus der Bücher und der lebendigen Kultur in Gauting an Marc Schürhoff.

Einige Stammkunden wissen es schon, andere haben es gehört, überrascht sind alle und so recht glauben mag es niemand. Die Buchhandlung im schönen Haus unter den Kastanien am Bahnhofsberg ohne Luitgard Kirchheim – unvorstellbar. Ruhig, klug, einfühlsam und immer den Menschen zugewandt hat sie dort einen kulturellen Treffpunkt geschaffen, der Künstler, Literaten, Lesende und Interessierte gleichermaßen anzog. „Es war eine schöne Zeit“, sagt sie und blickt in Richtung Bahnhof, dahin, wo alles anfing.

Vor 46 Jahren, 1967, gründete ihr Mann die Buchhandlung Peter Kirchheim in einem kleinen Laden neben dem Hotel Simon. Luitgard, die Maed, wie sie Freunde nennen, war von Anfang an dabei und „hat alles von ihm gelernt“. Es war Aufbruchszeit, die Maler machten sich Gedanken über einen Kunstverein, ein Musikverein entwickelte sich, und die neue Buchhandlung wurde „sofort angenommen“. Die Kirchheims sorgten für frischen Wind. Gauting hatte einen Platz, von dem Impulse in alle Richtungen ausgingen. Ein antiautoritärer Kindergarten wurde aufgebaut, das Bürgerforum entstand, und dann gab es die erste Lesung in der Buchhandlung Peter Kirchheim mit Freund Herbert Achternbusch, dem kantigen, wilden Künstler aus Gauting.

1980 übernahm Luitgard Kirchheim die Buchhandlung, die ein Jahr später in die luftigen Räume im Haus unter den Kastanien zog. Peter Kirchheim konzentrierte sich nun ganz auf seinen Verlag.

Unter den mehr als 4000 Kunden sind viele Stammkunden, und nicht wenige sind von Anfang an dabei. Heute freut sich die Buchhändlerin darüber, dass so viele junge Familien zu ihr kommen, auch „mehr Frauen als Männer“. Mit hunderten von Lesungen hat sie die großen Namen der deutschen Literatur nach Gauting geholt. Als noch niemand Oskar Maria Graf feierte, gab es bei Kirchheim einen Abend zum 10. Todestag des berühmten Schriftstellers aus Berg, mit schon historischer Besetzung: Gelesen haben Herbert Achternbusch, Sepp Bierbichler und Peter Kirchheim.

Nur einmal, erinnert sich Luitgard Kirchheim, tauchte ein kleines Problem auf. Der Gautinger Pfarrgemeinderat sperrte sich gegen den Auftritt eines aufmüpfigen Pädagogen im Don-Bosco-Heim, die Kirchheims verlegten die Lesung kurzfristig in das Gymnasium.

Nun übernimmt Marc Schürhoff die Buchhandlung. Er ist Mitte vierzig, kommt aus dem Buchhandel und ist in Gauting aufgewachsen. Luitgard Kirchheim kennt er seit Jahrzehnten, „wir haben immer über Bücher gesprochen“. Sie weiß ihre Buchhandlung in guten Händen, wird noch etwas mitarbeiten – und auch in der Buchhandlung anrufen „und ein Buch bestellen“. Das ist neu für sie. Ein Lächeln geht in die Zukunft, „und ich werde noch viele Bücher lesen“.
Klaus Greiner/Starnberger Merkur, September 2013

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