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Ende einer Ära

Buchhändler müssen Leseratten sein. Luitgard Kirchheim wird künftig jedoch zu ihrem Privatvergnügen lesen: Sie übergibt das Geschäft an ihren Nachfolger. Buchhändler müssen Leseratten sein. Luitgard Kirchheim wird künftig jedoch zu ihrem Privatvergnügen lesen: Sie übergibt das Geschäft an ihren Nachfolger. FOTO: TREYBAL
Gauting • Nur wenige Tage, bevor Buchhändler und Literaturfans des Landes sich auf den Weg nach Frankfurt machen, wo am 9. Oktober die Buchmesse beginnt, geht in Gauting eine Ära zu Ende: Lujttgard Kirchheim übergibt die Schlüssel zu ihrer Buchhandlung, die ihr Mann Peter im Jahr 1967 gegründet hat und die sie selber seit 33 Jahren führt, ihrem Nachfolger Marc Schürhoff. Ein Schritt, der nicht leicht fällt: „Ich identifiziere mich schon sehr mit dieser jahrzehntelangen Arbeit“, sagt sie – und erzählt von den vielen Lesungen, die hier im Haus Unter den Kastanien stattgefunden haben. Christoph Ransmayr war hier zu Gast, Imre Kertesz, Javier Marias. Alle saßen am Lesetisch in der Taschenbuchecke, manchmal auch gegenüber bei den Hardcover-Romanen, alle wurden von Luitgard Kirchheim auf die ihr eigene, besondere Weise vorgestellt. „Als Erich Hackl hier aus seinem wunderschönen, traurigen Roman ‚Abschied von Sidonie‘ gelesen hat, erinnert sie sich, „da hatten wir nachher bei der Diskussion mit dem Publikum beide Tränen in den Augen“. Es war diese einfühlsame, warmherzige Art, die jede Lesung zu einer fast privaten Einladung werden ließ. Immer gab es nachher eine lebhafte Diskussion, die Gautinger wollten mit den literarischen Gästen ins Gespräch kommen. Und manchen Autor, wie den Philosophen Peter Sloterdijk, hat das beharrliche Nachfragen insbesondere der Zuhörerinnen schon ins Schwitzen gebracht. Die allermeisten aber haben es genossen, auch die Fortsetzung bei Wein und Käse in der Buchhandlung, manchmal auch im privaten Wohnzimmer der Kirchheims in Königswiesen. „Raissa Orlowa-Kopelew hat hier gelesen“, erzählt Kirchheim, „und später dann saß der ehrwürdige graubärtige Lew Kopelew in meinem Wohnzimmer“.
Buchhändler müssen Leseratten sein. Und Maed, wie Kirchheim von Freunden genannt wird, ist in Gauting gewiss eine der Hungrigsten: Die wichtigsten Neuerscheinungen kennt sie alle, kaum dass sie auf den Ladentischen liegen. Jedes Beratungsgespräch wurde so zu einem kleinen literarischen Duett – oder auch Quartett, denn die Angestellten diskutieren gerne und kundig mit. Man kennt hier die Buchvorlieben der Kundschaft. Selber hat sich Maed Kirchheim im Laufe der Jahre immer besonders gern mit jüdischen Erzählungen beschäftigt. „Ich schätze daran den besonderen Humor“, sagt Sie. Aktuelle Veränderungen – der Online-Buchhandel oder das e-book – hat die Gautinger Buchhändlerin wahrgenommen und durchaus als Herausforderungen begriffen. Seit längerem schon kann man bei Kirchheim zu jeder Tageszeit auch online Bücher bestellen; e-books können hier erworben und auf Smartphones, Tablets und andere Endgeräte heruntergeladen werden. So wird die Buchhandlung dem Nachfolger in einem zeitgemäßen Zustand übergeben. Marc Schürhoff ist kein Unbekannter: der Mittvierziger ist in Gauting aufgewachsen, schon seine Mutter hat in der Buchhandlung gearbeitet. Er selber ist vor einigen Jahren schon einmal für eine knappe Woche eingesprungen. „Ich freue mich sehr, dass mit ihm die Kontinuität gewahrt ist“, sagt Maed Kirchheim. Sie freut sich vor allem darauf, nun endlich mehr Zeit fürs übrige Gautinger Kulturleben zu haben, ins „bosco“ gehen zu können, Ausstellungen zu besuchen, auch zu den Kindern zu reisen. Ihre Spanischkenntnisse möchte sie auffrischen, ein soziales Engagement in ihrer Heimatgemeinde pflegen. Und vor allem eines: „Endlich in Ruhe lesen, Marcel Proust zum Beispiel.“
SABINE ZAPLIN / SZ, September 2013

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