Lesungen 2013

Donnerstag, 16. Mai, 20 Uhr

in der Evangelischen Gemeinde, Ammeseestr. 19

Die Buchhandlung Kirchheim und der Ambulante Hospizdienst der Christuskirche Gauting laden ein zu Lesung und Gespräch mit David Sieveking. Der Autor und Filmemacher liest aus seinem Buch Vergiss mein nicht – Wie meine Mutter ihr Gedächtnis verlor und ich meine Eltern neu kennenlernte und zeigt Ausschnitte aus seinem gleichnamigen, vielbeachteten Film.

Eine Geschichte, die keinen unberührt lässt: Die Mutter hat Alzheimer. Der Sohn, ein bekannter Filmemacher, zieht wieder zu Hause ein, um für sie da zu sein und beschließt, seine Erfahrungen zu dokumentieren. Es gelingt ihm, mit ihr wunderbar lichte Momente zu erleben. Sie verliert ihr Gedächtnis, ihren Sinn fürs Sprechen, aber gewinnt etwas anderes: eine entwaffnende Ehrlichkeit und Unschuld, gepaart mit überraschendem Wortwitz und weiser Poesie. Durch die Krise der Mutter gerät die Familie ins Wanken. Aber sie findet sich unter der Belastung neu. Aus der Erfahrungsdokumentation wird plötzlich eine Reise in die Vergangenheit seiner Eltern und seiner eigenen Geschichte.

David Sieveking, geb. 1977 in Friedberg/Hessen, ist Dokumentarfilmer und Schauspieler.

Die Kritik der SZ

Was vom Tage übrig bleibt
Regisseur David Sieveking erzählt von der Krankheit seiner Mutter, entstanden ist ein Liebesfilm

Gauting • Mutter Gretel hat Alzheimer. Wer die Menschen um sie herum sind, vergisst sie ebenso wie die eigenen vier Wände. Ihr Intellekt, der sie stets ausgezeichnet hatte, entgleitet ihr. Dafür wird die Gefühlswelt stärker. David Sieveking hat seine kranke Mutter trotz aller Schwierigkeiten bis zum Ende begleitet, nicht nur als Sohn, auch als Filmemacher und Buchautor. „Vergiss mein nicht“, heißen Buch und Film. Beides stellte er am Donnerstag in Gauting vor. Ein bisschen blutete ihm das Herz, dass vom Film nur Ausschnitte gezeigt werden konnten. Doch konnte man Einblicke gewinnen in einen ebenso unbarmherzigen wie warmherzigen Alltag mit einem nicht aufzuhaltenden Gedächtnisverlust. „Vergiss mein nicht“ ist der Versuch, Erinnerung festzuhalten, indem vom Gegenteil erzählt wird.
Eigentlich hatte Sieveking, der mit seinem Debütfilm „David wants to fly“ 2010 auf der Berlinale Premiere feierte, schon immer die Geschichte seiner Eltern erzählen wollen. Die Geschichte von Gretel und Malte, zwei akademisch geprägten „Alt-68ern“, die auf alten Fotos aussehen wie ein Paar aus einem Film-noir, wie Sartre und die Beauvoir. Dann erlitt seine Mutter nach einer Hüft-Operation eine Amnesie, von der sie sich nicht in dem von Ärzten prophezeiten Maße erholte, im Gegenteil. Sie selber ahnte das Ausmaß ihrer Erkrankung lange, ehe die Diagnose Alzheimer vorlag. Die Situation zuhause bei den Eltern wurde schwieriger. Der Vater Malte kam immer weniger mit seiner sich verändernden Frau zurecht. Bei Sohn David entwickelte sich der finanzielle Erfolg seines Films konträr zu Ruhm und Ehre. „Ließe sich nicht Beruf und Familie verbinden, indem ich einen Film über meine Mutter drehte?“ überlegte er in seinem Buch. „So könnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits hätte ich die Chance, mich intensiv um Gretel zu kümmern, andererseits könnte ein Film entstehen, der für meinen Lebensunterhalt sorgte.“
Was sich anhört wie eine gut durchkalkulierte Win-win-Strategie, wird für die ganze Familie im Lauf der Dreharbeiten zu einer Grenzerfahrung. Gretel ringt unaufhörlich damit, selbstbestimmt zu sein, allen unaufhaltsam wachsenden Abhängigkeiten zum Trotz. Doch sie vergisst alles. So zeigt ein Filmausschnitt, wie David und Gretel mit dem Auto in die Schweiz fahren, wo Malte sich, um Abstand zu gewinnen, für einige Zeit in ein Ferienhaus zurückgezogen hatte. Nach stundenlanger Fahrt öffnet der Sohn Gretel die Tür und macht eine Bemerkung über die Anstrengung der langen Anreise. „Wie? “ fragt Gretel. „Was für eine lange Fahrt denn?“ Malte erkennt sie nicht mehr. Sie habe jetzt doch einen anderen Mann, erklärt Gretel und deutet auf den hinter ihr stehenden David. Später, wieder daheim mit Malte, nennt sie ihn nur noch den „Wichtigsten“. Seinen Namen hat sie vergessen und dass er ihr Sohn ist auch. Es zählt allein, dass er immer da ist. „Durch ihren Gedächtnisverlust hat sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können“, sagt Sieveking und erklärt, dass während der Dreharbeiten etwas Wunderbares geschehen sei: „Es ist gar kein trauriger Krankheitsfilm geworden, sondern ein Liebesfilm.“ Über die Liebe, die sichtbar wird, wenn alles Planbare sich auflöst. Sabine Zaplin/SZ

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