Preise

Die Laudatio von Fridolin Schley

Am 6. Juli wurde der Klinge-Preis der Gemeinde Gauting
an Luitgard Kirchheim verliehen.

In einer Geschichte des argentinischen Erzählers Jorge Luis Borges wird das Bild einer unendlich großen Bibliothek entworfen, einer Bibliothek als Raum sämtlicher Bücher, die jemals geschrieben wurden, und sogar jener, die in Zukunft noch geschrieben werden. Etagen über Etagen nichts als Bücher, Raumfluchten voller Archive, ineinander verwinkelte Gänge und dicht an dicht gestaffelte Regale. Ständig ist hier etwas in Bewegung, ohne Unterlass werden Bücher herausgezogen, umgestellt oder hinzugefügt. So undurchdringlich und unüberschaubar wirkt dieses Universum aus Seiten, Zeilen und Buchstaben, so voller Zufall sind die Entdeckungen die man darin machen kann, so unbegrenzt die Bezüge, die sich zwischen Inhalten und Verfassern herstellen lassen, dass es mitunter den Anschein hat, als sei dieser Ort selbst eine Art fieberndes Wesen, wie eine delirierende Gottheit und die Bücher, die es beherbergt, seine flüchtigen Gedanken, kraft derer innerhalb von Sekunden ganze Kosmen sich auftun, um schon im nächsten Moment wieder unterzugehen. Greift man aus dieser Unzahl von Büchern ein einziges heraus und schlägt es auf, erweist es sich wiederum als eines mit unendlich vielen Seiten. Jeder jemals geschriebene Satz findet sich in diesem Buch, in jedem einzelnen dieser Bücher. Blättert man weiter, wird man die eben gelesene Stelle niemals wieder finden, haltlos stürzt man in die Tiefe eines Textuniversums, in der es keine Anhaltspunkte, keine anderen Wahrheiten mehr gibt, als das Lesen selbst. In Borges’ unendlicher Bibliothek von Babel ist das Lesen nicht Teil einer Welt, zu deren Verständnis es beiträgt, sondern das Lesen ist selbst diese Welt. Das Leben und seine Orte entfalten sich erst in der Lektüre.
Was in dieser Geschichte – und damit komme ich nun zu Ihnen, liebe Frau Kirchheim – wie ein surreales, mythisch überhöhtes Gleichnis anmutet, kann ich guten Gewissens und ohne Abstriche auf Sie und Ihre Buchhandlung hier in Gauting übertragen. Denn nicht weniger geheimnisvoll und undurchdringlich als in dem beschriebenen Gedankenexperiment erschien mir bei meinen frühen Besuchen Ihr Bücherreich, als ich mit vielleicht elf, zwölf oder dreizehn Jahren erstmals zu Ihnen kam, um Bestellungen für den Deutschunterricht des neuen Schuljahrs aufzugeben. Wie das Tor zu einer unbekannten Welt, wie etwas reizvoll Fremdes inmitten des mir doch so vertrauten Heimatortes wirkte Ihre Buchhandlung auf mich, wie ein Versprechen auf das Leben und die Orte, die noch vor mir lagen. Und das ist im Grunde noch heute so: Wenn ich manchmal spät abends oder nachts einen Spaziergang durch Gauting mache, dann steuere ich unbewusst stets Ihre Buchhandlung an, um die Auslage in den Schaufenstern zu studieren, und habe dabei jedes Mal das beruhigende Gefühl, durch den Blick auf die Bücher in Kontakt zu sein mit jener Welt draußen, außerhalb der Oase Gauting. Von Anfang an hatte ich den paradoxen Eindruck, in Ihrer Buchhandlung, inmitten dieser Bücher voller erfundener Geschichten, dem wahren Leben näher zu sein, als an jedem anderen Ort meiner Kindheit. Ich erinnere mich, dass ich mich manchmal stundenlang nicht losreißen konnte von den Stapeln frisch eingetroffener Neuerscheinungen, von den Wänden gelber Reclambändchen, von der Ecke mit den Spiegelbestsellern, und wie ich mich mit schief gelegtem Kopf immer wieder entlang las an den Buchrücken und Klappentexten. Erwachsen werden heißt ja im Grunde nichts anderes, als die Begrenztheit des eigenen Blicks zu erkennen – und in diesem Sinne haben Sie, Frau Kirchheim, Erziehungsarbeit an einer ganzen Gautinger Generation geleistet – denn der Geschichte von Borges zufolge, ist ein Mensch nur das, was er liest, und auch ein Ort wie Gauting ist demnach letztlich nur das, was in ihm gelesen wird.
Sie sagen von sich selbst, dass Sie keine gute Verkäuferin sind und dass es Ihnen oft leichter fällt, Ihrer Kundschaft zu sagen, welche Bücher sie nicht lesen soll. Das kann ich gewissermaßen bestätigen, denn ich meine mich zu entsinnen, dass Sie, als ich vierzehn oder fünfzehnjährig fast wöchentlich bei Ihnen Horrorromane von Stephen King gekauft habe (ich weiß auch noch genau, wo diese standen: wenn man hereinkam, gleich links unten im Regal), dass Sie mich dann an der Kasse mitunter streng ansahen, als wollten Sie mich fragen, ob es nicht langsam Zeit würde für etwas weniger triviale Literatur. Wenig später haben Sie mir dann den ‚Steppenwolf’ von Hermann Hesse ans Herz gelegt und dann ‚Homo Faber’ von Max Frisch – und nach diesen beiden Büchern, aber das würde nun zu weit führen, war ohnehin nichts mehr so wie vorher. Wahrscheinlich ist es dieser Weigerung, bloße Verkaufsgespräche zu führen, geschuldet, und das trifft natürlich auch auf Ihre wunderbaren Mitarbeiter, oder viel eher: Ihre Mitstreiter zu, dass ich Ihre Buchhandlung nie in erster Linie als einen Ort des Handelns mit literarischer Ware kennengelernt habe, sondern ganz im Gegenteil, als Diskursforum, als einen Raum, in dem Leseerfahrungen wie Geheimnisse ausgetauscht werden, wobei Literatur durch Kommunikation befreit und lebendig wird.
Indem Sie Literatur verlebendigen, seit nun fast 40 Jahren, – dieses Jahr feiern Sie ja Jubiläum -, formen Sie, vielleicht ohne es zu merken, das kulturelle Bewusstsein dieser Gemeinde wie kaum jemand sonst, und das trifft am deutlichsten natürlich auf die vielen Lesungen bei Ihnen zu. In unserer Zeit der Bloggens, Chattens, Mailens und SMSens, der immer schnelleren, immer indirekteren Ablenkungen durch virtuelle, seelenlose Begegnungsformen, halten Sie an etwas fest, dass so alt ist wie die Menschheit selbst, an der magischen Wirkung der unmittelbaren oralen Überlieferung. Das Erzählen und Lesen, das gemeinschaftliche Zuhören und anschließende Sichaustauschen – kurz: unsere Fähigkeit, kraft der Sprache von uns selbst zu abstrahieren und in Geschichten zu denken, erst das macht uns – nach Hannah Arendt – zu aufgeklärten Menschen. Und genau das leisten Sie, Frau Kirchheim, Monat für Monat mit ihren Veranstaltungen, mit ihren Lesungen in der Buchhandlung, mit der Gautinger Lesenacht, mit der Uwe Johnson-Nacht, mit Ihrem Engagement für das Theaterforum, für den Musikverein, als Jurorin für den Sophie-Scholl-Preis … ich könnte hier noch lange fortfahren, doch worauf ich hinaus will, ist hoffentlich deutlich geworden – dass Sie unermüdlich und im wahrsten Sinne dieses großen Wortes Aufklärung betreiben. Und wenn man dem Gedanken folgt, dass die eigene Heimat Aufklärung stets am nötigsten hat, dann kann ich mir als Gautinger überhaupt keinen würdigeren Preisträger vorstellen als Sie.
Sie holen die Welt der Literatur nach Gauting – und man kann ohne zu zögern sagen, dass Sie sie – seit der allerersten Lesung mit Herbert Achternbusch – alle bekommen haben: Jurek Becker, Javier Marias, Wolf Haas, Martin Walser und, und, und. Viele kommen auch gerne wieder, Peter Sloterdejik etwa, von dem manche behaupten, er sei schwierig und launisch, war schon viermal bei Ihnen, so dass sich die Frage stellt, warum sich nicht nur die Leserschaft, sondern eben auch die Autoren so gut bei Ihnen aufgehoben fühlen. Ich vermute, dass es vor allem an zwei Eigenschaften liegt: an Ihrer, wie Ihr Mann das so schön formuliert hat, ehrlichen, nie nachlassenden Neugier auf den Menschen hinter den Texten, und, damit einhergehend, an Ihrer großen Begabung zur Empathie. Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass Sie Uwe Johnson zu den prägenden Schriftstellern Ihres Lebens zählen, einen Autor, der sich, wenn schon nicht der Wahrheit, so doch der Wahrhaftigkeit verschrieben hatte, dessen Werk immer auch literarisch gestaltete Zeitgeschichte war, der das Schreiben als moralisch verantwortungsvollen Auftrag im Dienst des ‚vergessenen Anderen’ verstand. Ganz offensichtlich ist für mich, dass Sie mit Ihren Veranstaltungen einem ganz ähnlichen Auftrag folgen. Zu Ihren Lieblingsautoren zählen Sie Philip Roth und Zeruya Shalev, andere jüdische Autoren wie Imre Kertesz, Ruth Klüger, oder Historiker wie Saul Friedländer haben bei Ihnen gelesen und anschließend noch lange mit Ihnen und Ihrem Publikum über das von unserem Land verursachte Leid diskutiert, mitunter sogar noch nachts in Ihrem Garten in Königswiesen.
Ihre Fähigkeit zur Empathie, die, so glaube ich, dem geheimen Programm Ihrer Lesungen zugrunde liegt, zeigt sich mir nirgends deutlicher, als in einer an sich ganz unauffälligen Bemerkung, die Sie unlängst bei unserem Gespräch machten – Sie sagten, am meisten habe Sie an dem großen Imre Kertesz nicht seine Lesung beeindruckt, auch nicht die Offenheit, mit der er sich anschließend den Zuhörern zuwandte oder die Milde, mit der er über Deutschland sprach, sondern die Art wie er sich am Ende verbeugt habe und wie in dieser kleinen Bewegung all die Gebrochenheit, aber auch die Würde und die Weisheit seiner Literatur gelegen habe.
Liebe Frau Kirchheim, ich wünschte, ich hätte die Zeit, um all dies viel genauer zu beleuchten, um über Ihre Kindheit im Schwabenland zu sprechen, darüber, wie Sie selbst Mutter von drei Kindern und nun auch schon Großmutter geworden sind, um über Ihre Verankerung in den Gautinger Malerkreisen zu berichten, über die Faschings- und Gartenfeste, über den kleinen Skandal, der einst die Veranstaltung mit dem Familientherapeuten Hellinger in Gauting auslöste, darüber wie der auratische Leon de Winter die weiblichen Gautinger Herzen höher schlagen ließ, oder über Ihr Lampenfieber vor öffentlichen Auftritten – aber all dies ist viel besser als in meinen Sätzen schon jetzt gut aufgehoben in dem Roman über Ihr Leben, der vielleicht eines Tages noch geschrieben wird und der schon heute irgendwo in den endlos langen Regalen der Bibliothek von Babel steht, sicher verwahrt von einem Wächter, wie Sie selbst einer sind, einem Cartaphilus, wie er bei Borges heißt, einem Bücherfreund.

Und damit möchte ich schließen und Ihnen, liebe Cartaphila, von ganzem Herzen gratulieren.

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