Lesungen 2013

Der C. H. Beck Verlag feiert 250sten Geburtstag, Verlagsvorstellung und Lesung.

Hubert Wolf Die Nonnen von Sant`Ambrogio Eine politische Biographie 544 Seiten, 2013 C. H. Beck 24.95 EUR

Dienstag, 23. April, 20 Uhr
in der Buchhandlung

Der C. H. Beck Verlag feiert 250sten Geburtstag, Verlagsvorstellung und Lesung.

Hubert Wolf liest aus seinem Buch Die Nonnen von Sant`Ambrogio.

Die Akten dieses Inquisitionsprozesses sollten für alle Ewigkeit in den Archiven des Vatikans verschwinden. Um ganz sicher zu gehen, legte man sie an der falschen Stelle ab, ohne zu ahnen, dass sie gerade dadurch über hundert Jahre später der Forschung zugänglich werden – und Hubert Wolf sie aufspürt.
Rom, im Juli 1859: Eine Nonne ruft um Hilfe, man will sie vergiften, doch sie kann fliehen. Es kommt zu einem Prozess, in dem die Inquisition Unglaubliches aufdeckt: Im Kloster Sant Ambrogio werden seit Jahrzehnten Nonnen als Heilige verehrt. Visionen, Dämonenaustreibungen, Segnungen per Zungenkuss, lesbische Initiationsriten und Wunder sind an der Tagesordnung. Zweiflerinnen werden beseitigt. Und hinter alledem steht ein Netzwerk von Jesuiten mit besten Kontakten zum Papst. Bis heute besitzt der Fall Sant`Ambrogio eine gewaltige Sprengkraft: Einer der Beichtväter, der unter falschem Namen bei den Nonnen übernachtete, entpuppt sich als vatikanischer Spitzentheologe und enger Vertrauter des Papstes, der das Unfehlbarkeitsdogma maßgeblich mitformulierte. Die wahre Geschichte von Sant`Ambrogio ist damit auch ein Kapitel aus der wahren Geschichte des modernen Katholizismus.

Hubert Wolf, geboren 1959, ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster. Er wurde u. a. mit dem „Leibnizpreis“ der DFG, dem „Communicator- Preis“ und dem „Gutenberg-Preis“ ausgezeichnet.

Interview mit Hubert Wolf in der SZ
Hubert-Wolf-SZDas Kloster des Schreckens Hubert Wolf schildert wahre Geschichten aus dem Jahr 1859. Es geht um Mordversuche und Mystizismus INTERVIEW: SABINE ZAPLIN Hubert Wolf fand die Inquisitionsakten zum Kloster Sant‘ Ambrogio im Historischen Saal des Vatikanischen Archivs. Dann sichtete er, ordnete er ein und schrieb. Bis das Buch erschien, vergingen 14 Jahre. FOTO: WILFRIED GERHÄZ/OH Gauting • Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf stellt am nächsten Dienstag, 23. April, in der Gautinger Buchhandlung Kirchheim sein gerade erschienenes Buch „Die Nonnen von Sant‘ Ambrogio“ vor. Der Untertitel lautet „Eine wahre Geschichte“, und tatsächlich ist die Geschichte aus dem Jahr 1859 so geschehen: Eine nach Rom geflohene Nonne berichtet dort gegenüber der Inquisitionsbehörde von einem Mordversuch und schildert noch mehr Ungeheuerliches aus dem Kloster Sant‘ Ambrogio. Hubert Wolf hat die Vorgänge, die sich hinter den Klostermauern abspielten, recherchiert und in einem spannend zu lesenden Buch dargestellt. SZ: Dämonenaustreibungen, lesbische Initiationsriten, Mordversuche, Gewalt hinter Klostermauern, Vertuschungsversuche von höchster Stelle – das ist der Stoff für einen Thriller, doch es handelt sich um Tatsachen. Wie stößt ein Kirchenhistoriker auf einen so brisanten Aktenfund wie diesen? Hubert Wolf: Gerüchte über das römische Kloster Sant‘ Ambrogio gab es schon seit dem Kulturkampf. Man hatte gehört, dass ein Jesuit versucht haben sollte, eine Nonne zu vergiften. Dann erschien 1976 eine Doktorarbeit über Joseph Kleutgen, Jesuit und Beichtvater der Novizin Katharina von Hohenzollern, in der aus Lebenserinnerungen Katharinas zitiert wurde. Darin ging es um Giftmordversuche und um Beobachtungen der Fürstin über mystische Phänomene in Sant‘ Ambrogio. Katharina hat dann die Vorfälle bei der päpstlichen Inquisition angezeigt. Nachdem 1998 das Archiv der Glaubenskongregation in Rom geöffnet wurde, ergab sich für mich erstmals die Möglichkeit, den Gerüchten nachzugehen. Zunächst vermuteten wir die Inquisitionsakten zu diesem Fall an ganz anderer Stelle, was die Suche verzögerte, bis wir sie schließlich im Historischen Saal des Vatikanischen Archivs entdeckten. Wie umfangreich war das Material, das Sie entdeckt haben und wie lange haben Sie für die Auswertung gebraucht? Der Inquisitionsprozess zog sich über zweieinhalb Jahre hin, es wurden mehr als 60 Zeugen gehört. Das Verfahren kann man keinesfalls mit einem heutigen öffentlichen Gerichtsprozess vergleichen; es wurde schriftlich geführt, also mit Einzelverhören der Zeugen und Angeklagten mit notarieller Mitschrift der Aussage. Wir haben es also mit Quellen von einer ungeheuren Dichte zu tun. Zunächst ging es darum, diese Quellen, die man selbstverständlich nicht ausleihen oder kopieren kann, vor Ort abzuschreiben. Anschließend habe ich mit Hilfe meiner Mitarbeiter die Abschriften kontrolliert, weitere Quellen gesucht und mich ausgiebig damit beschäftigt, die Ergebnisse historisch einzuordnen: Wie genau sah es in dem Kloster aus? Wie hat man sich Rom zu jener Zeit vorzustellen? Oder: Wie waren die Gifte beschaffen, von denen die Rede ist? Eine Nonne berichtet, man habe ihr etwas verabreicht, und danach habe sie alles in einem intensiven Gelb gesehen; Gespräche mit einer Pharmaziehistorikerin haben ergeben, dass es sich bei dem Gift um Digitalis gehandelt haben muss, das in Überdosis diese Wirkung auslöst. Das alles hat, zusammen mit dem Schreibprozess, rund 14 Jahre beansprucht. Die Arbeit am Buch wurde gefördert durch das Historische Kolleg in München. Wann waren Sie hier, in der Landeshauptstadt? Von Oktober 2011 bis Ende September 2012, ein ganzes Jahr habe ich, ein Schwabe mit Lehrstuhl im westfälischen Münster, diese besondere Liberalitas Bavariae genossen, es war mein Jahr der „Münchner Freiheit“. Ich habe ein Arbeitszimmer in der wunderbaren Kaulbach-Villa hinter der Staatsbibliothek gehabt, bekam für dieses Jahr eine Lehrstuhlvertretung in Münster finanziert und konnte tatsächlich die ganze Zeit über schreiben. Das empfinde ich als ungeheuer großzügig vom Freistaat Bayern, und insofern ist es eben auch ein Münchner Buch, dem man anmerkt, dass es in dieser tollen Stadt entstanden ist. In meinem Zimmer in der Kaulbach-Villa hingen an den Wänden große Plakate mit dem dramaturgischen Verlauf des Buches, damit ich mir während des Schreibprozesses immer vor Augen führen konnte, über welche Informationen der Leser bereits verfügt. Wie war ein solches Gewaltsystem, wie es im Kloster Sant‘ Ambrogio herrschte, möglich? Welche Interessen steckten dahinter? Luisa Maria, wie Katharina von Hohenzollerns Name als Ordensschwester lautete, spricht selber in ihren Aufzeichnungen von „dem System“. Es handelte sich um ein System, das nur in einer strikten Klausur möglich ist: Das Kloster wird zum Synonym für ein geschlossenes religiöses System, das sich in dem Moment etablieren kann, sobald Rationalität komplett ausgeschaltet. Hinzu kam, dass die seelsorgerische Betreuung durch die jesuitischen Beichtväter mit dem wiederholten Bruch des Beichtgeheimnisses fortfiel. Die präzise Untersuchung der Geschehnisse in Sant‘ Ambrogio durch den Inquisitor offenbarten auf eindrucksvolle Weise, wie das Umkippen der Mystik in Mystizismus diese pathologische Form von Religion sich entwickeln ließ, wie Religion benutzt wurde für andere Zwecke. Der eigentliche Held in dem Buch ist ja der Inquisitor, was für viele wohl überraschend ist. Diese Inquisitionsbehörde der Neuzeit ist eine relativ fortschrittliche Behörde gewesen, die juristisch präzise einen Fall von Häresie aufdeckte. Sehen Sie Parallelen zur Gegenwart? Wäre so etwas auch heute möglich? Als Historiker bin ich da sehr vorsichtig. Es handelt sich, historisch betrachtet, um einen Einzelfall. Doch Tendenzen, die sich darin zeigen, sind durchaus auch heute vorstellbar. Religion als transzendente Erfahrung ist im Prinzip immer in Gefahr, machtpolitisch oder sexuell missbraucht zu werden: Natürlich gehört die Mystik zur Religion, doch Mystizismus ist eben etwas anderes. Es gilt, genau hinzusehen, wo Rationalismus in Irrationalismus umkippt. Gab es Reaktionen der Kirche? Offiziell bisher nicht. Doch es gibt eine große Bandbreite von Reaktionen von Lesern. Die einen äußern sich froh darüber, dass das Thema endlich aufgearbeitet wurde. Andere haben das Buch in einem Kontext zur gegenwärtigen Missbrauchsdebatte gesehen. Für diese übrigens auch, dass alles schonungslos auf den Tisch gelegt werden muss. Lesen Sie im Johannes-Evangelium nach: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Es gab aber auch eine Mail, die mich auf den Scheiterhaufen wünschte. Ich kann das verstehen, es ist gewiss nicht einfach für Menschen, die sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen. Es war auch für mich nicht einfach, das Buch zu schreiben. Das waren wirklich Abgründe, in die ich da blicken musste. Aber es bleibt „Eine wahre Geschichte“. Sabine Zaplin/SZ/20./21.4.2013
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